Business
Sicherheit und Privatsphäre
Ein Arbeitsplatz muss vier verschiedene Arten von Sicherheit bieten. Fehlt eine davon, stellen Menschen sie selbst her — nur nicht baulich, sondern über ihr Verhalten. Das ist der teuerste Weg.
Vier Anforderungen, nicht eine
„Der Arbeitsplatz muss sicher sein“ ist zu grob, um damit zu planen. In der Praxis lassen sich vier klar unterscheidbare Anforderungen benennen. Sie werden unabhängig voneinander erfüllt oder eben nicht.
| Anforderung | Frage | Bauliche Entsprechung |
|---|---|---|
| Rückendeckung | Was ist hinter mir? | Wand, Schrank, hohes Element hinter dem Stuhl |
| Schutz nach vorn | Bin ich frontal exponiert? | Sichtschutz, Tresen, Aufsatzelement, Bepflanzung |
| Übersicht | Sehe ich, was im Raum passiert? | Blickachse zur Tür, freie Sicht in den Raum |
| Territorium | Habe ich einen Bereich, der meiner ist? | Abstand, Abgrenzung, eigene Ablagefläche |
Die ersten drei sind auf Arbeitsplatz-Positionierung ausführlich beschrieben. Diese Seite geht auf den vierten Punkt ein — und darauf, was geschieht, wenn die Anforderungen nicht erfüllt sind.
Der Punkt, der am häufigsten fehlt
Rückendeckung ist inzwischen ein bekannter Begriff. Schutz nach vorn ist es nicht — und fehlt deshalb am häufigsten.
Gemeint ist nicht Abschottung, sondern ein Mindestmaß an Abschirmung in Blickrichtung. Die Vergleichsbilder aus der Alltagswelt sind eindeutig: Ein Empfangstresen schirmt ab, ein Rednerpult schirmt ab, eine Ladentheke schirmt ab. Niemand käme auf die Idee, diese Möbel wegzulassen — und niemand empfindet sie als unfreundlich.
Am Schreibtisch fehlt genau dieses Element in den meisten offenen Büros. Der Arbeitsplatz ist eine Platte auf vier Beinen, frei nach allen Seiten. Wer daran sitzt, ist von vorn vollständig einsehbar, dauerhaft, den ganzen Tag.
Wirksam und unauffällig: ein niedriges Aufsatzelement, eine halbtransparente Scheibe, ein Pflanzkasten auf Tischhöhe, eine Ablagekonstruktion an der Tischvorderkante. Es geht nicht darum, den Blick zu versperren — es geht darum, dass eine Zone beginnt.
Territorium: die unsichtbare Anforderung
Der vierte Punkt ist der am schwersten zu fassende und zugleich der, an dem sich Konflikte entzünden.
Jeder Mensch hat ein Gefühl dafür, wo sein Bereich aufhört. Wird diese Grenze regelmäßig überschritten — jemand steht zu dicht daneben, legt Sachen auf der Tischfläche ab, geht ständig hindurch —, entsteht Unbehagen, das sich nur selten sachlich äußert. Es äußert sich als Gereiztheit.
In Bürokonzepten ohne feste Plätze wird dieser Punkt oft übergangen. Das Argument lautet, Territorium sei überholt. Praktisch beobachtet man das Gegenteil: Menschen markieren dann eben anders — sie kommen früher, um denselben Platz zu bekommen, sie lassen Gegenstände liegen, sie besetzen Nachbarplätze mit Taschen.
Wenn kein Territorium vorgesehen ist, entsteht es trotzdem. Nur ungeregelt.
Was passiert, wenn Sicherheit fehlt
Das ist der eigentlich wichtige Teil, und er wird in Büroplanungen fast nie mitgedacht.
Wer sich an seinem Arbeitsplatz nicht sicher fühlt, sucht sich einen Ersatz. Weil die bauliche Lösung fehlt, entsteht die Lösung im Verhalten:
- Man hält Kolleginnen und Kollegen auf Abstand — reservierter, kürzer angebunden, weniger ansprechbar.
- Man wird vorsichtiger mit dem, was man sagt und zeigt.
- Man gibt weniger von sich preis, auch fachlich.
- Man reagiert schneller gereizt auf Unterbrechungen.
Das Ergebnis wird anschließend der Person zugeschrieben — sie gilt als schwierig, unkooperativ oder verschlossen. Tatsächlich ist es eine angemessene Reaktion auf eine Umgebung, die ein Grundbedürfnis nicht erfüllt.
Der Raum erzeugt hier das Sozialverhalten. Wer eine Kultur der Offenheit will, muss zuerst die Bedingungen schaffen, unter denen Offenheit ohne Risiko möglich ist.
Umgekehrt gilt dasselbe: An einem Platz, an dem die vier Anforderungen erfüllt sind, kostet Freundlichkeit nichts. Man muss keine Aufmerksamkeit für die eigene Absicherung aufwenden und hat sie für die Arbeit und für die anderen übrig.
Sicherheit ist keine Frage der Fläche
Ein verbreitetes Missverständnis: Mehr Quadratmeter pro Person würden das Problem lösen. Sie lösen es nicht.
Ein großzügiger Arbeitsplatz mitten in einer offenen Fläche kann alle vier Anforderungen verfehlen. Ein enger Platz in einer Nische kann alle vier erfüllen. Entscheidend ist die Anordnung, nicht das Maß.
Das ist die praktisch nützlichste Konsequenz dieser Seite: Die meisten Verbesserungen kosten nichts. Sie bestehen darin, Tische zu drehen, an eine Wand zu rücken, Schränke umzustellen oder ein vorhandenes Element hinter einen Stuhl zu schieben.
Die Prüfung für ein bestehendes Büro
Vier Fragen, an jedem Platz einzeln zu beantworten. Es genügt, sich hinzusetzen.
- Was ist hinter mir? Feste Fläche oder offener Raum mit Verkehr?
- Wer sieht mich von vorn, und von wo aus? Gibt es irgendein Element, das eine Grenze markiert?
- Sehe ich, wer hereinkommt? Ohne den Kopf zu drehen?
- Wo hört mein Bereich auf? Ist das für andere erkennbar?
Zwei oder mehr ungünstige Antworten heißen: Hier lohnt Umstellen mehr als jede Neuanschaffung. Möbel, die diese Anforderungen baulich lösen — Sichtschutzelemente, Stauraum in Rückenhöhe, Trennwände mit akustischer Wirkung — sind der zweite Schritt, nicht der erste. Beispiele dafür finden sich bei vital-office.de.
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