Atito

Ein Großraumbüro

Ein offenes Bürogeschoss über die gesamte Gebäudelänge ist zuerst ein Orientierungsproblem. Dieses Projekt löst es nicht mit Wänden, sondern mit Farbe, einem Mittelpunkt und Pflanzen.

Das Projekt

2007 plante Atito Lorenz Witt gemeinsam mit Vital-Office das zweite Obergeschoss eines Büroneubaus für ein Maschinenbauunternehmen. Es ging um eine offene Bürofläche über die gesamte Gebäudelänge, mit einem Erschließungskern in der Mitte und Besprechungs- sowie Leitungsräumen an den Enden.

Erhalten ist die Akte vom ersten Aufmaß bis zur Auslieferung: über vierhundert Aufnahmen der Bestandsaufnahme, Möblierungspläne, ein Farbleitplan, Entwürfe für die Mittelzone, Vorhangvarianten, ein Bepflanzungskonzept, Sonnenschutz-Vergleiche — und die Fotos des fertigen Geschosses.

Das Problem: Länge

Der Saal des Personalrestaurants war zu hart und zu hallig. Hier ist die Ausgangslage eine andere — und sie ist die häufigste in Neubauten:

Ein sehr langes, offenes Geschoss ist gut belichtet und flexibel. Aber es beantwortet keine der Fragen, die Menschen beim Betreten eines Raumes stellen: Wo bin ich? Wo gehört mein Team hin? Wo ist die Mitte? Alles sieht überall gleich aus.

Das ist die Orientierungsebene aus Raum wirkt auf Mensch — und sie wird in großen Flächen fast immer übersprungen, weil sie sich nicht in Quadratmetern ausdrücken lässt.

Die Lösung: drei Ebenen statt Trennwänden

1. Ein Farbleitsystem für die Arbeitsgruppen

Der zentrale Gedanke des Projekts. Jede Arbeitsgruppe bekam eine eigene Farbe — Grün, Blau, Gelb, Rot —, dazu eigene Töne für Gruppenleitung und Geschäftsführung. Auf dem Plan liegen diese Farben als Ankerpunkte in der Fläche, mit Pfeilen von der Mitte aus zu jedem Bereich.

Das ist keine Dekoration, sondern Wegeleitung. Farbe ist der schnellste Orientierungsträger, den es gibt: Sie wird erkannt, bevor Schrift gelesen wird, sie funktioniert über große Distanz und sie braucht keine Schilder.

Der praktische Nutzen ist doppelt. Für Besucher und neue Kolleginnen wird die Fläche lesbar. Und die Gruppen bekommen etwas, das in offenen Büros sonst fehlt: ein sichtbares Territorium — der vierte Punkt aus Sicherheit und Privatsphäre.

2. Ein Zentrum, das die Länge unterbricht

In der Mitte des Geschosses war eine geschwungene, S-förmige Informationswand vorgesehen, die das Farbleitsystem trägt: farbige Felder mit Durchblicken und Richtungshinweisen für jede Gruppe.

Drei Dinge auf einmal:

  • Sie bricht die Sichtachse. Ein durchgehender Blick über die volle Gebäudelänge macht eine Fläche zum Korridor. Ein Element in der Mitte macht daraus zwei überschaubare Hälften.
  • Sie ist der Ort, an dem man ankommt. Wer aus dem Kern tritt, steht vor einer Information statt vor einer Weite.
  • Sie ist geschwungen, nicht gerade. Eine gerade Wand hätte geteilt. Die Welle führt um sich herum und lässt beide Seiten in Verbindung.

3. Eine Brunnensäule

Im Scheitel der Welle stand eine Wassersäule. In der klassischen Lehre wäre das bewegtes Wasser, das Qi anzieht. Der Grund, aus dem sie hier gebaut werden konnte, ist ein anderer und lässt sich benennen:

Ein Wasserelement erzeugt einen gleichmäßigen, informationsfreien Grundgeräuschpegel. Genau das ist in offenen Büros erwünscht, weil es entfernte Gespräche verdeckt und ihre Verständlichkeit senkt — der wirksamste akustische Hebel überhaupt, wie auf Akustik im Büro beschrieben.

Dazu kommt ein visueller Ruhepunkt: eine Bewegung, die nichts von einem will und die das Auge zwischendurch loslassen kann.

Dazu: Pflanzen, Vorhänge, Sonnenschutz

Die begleitenden Konzepte folgen demselben Muster — jede Maßnahme leistet mehr als eine Sache.

Pflanzen stehen im Plan nicht als Grünschmuck an den Rändern, sondern zwischen den Arbeitsgruppen. Dort trennen sie leicht ab, brechen die Sichtlinie zwischen benachbarten Plätzen, streuen Schall und geben dem Blick etwas Lebendiges in mittlerer Entfernung.

Vorhänge wurden in vielen Varianten durchgespielt, farbig auf die Gruppenfarben abgestimmt. Sie dämpfen den Hall an den langen Glasfassaden, mildern das Gegenlicht und tragen die Leitfarbe bis in die Fassade.

Sonnenschutz wurde vor Ort im Vergleich fotografiert. Ein sehr langes Geschoss mit durchgehender Verglasung hat auf beiden Seiten ein Blendungsproblem, und Blendung am Bildschirm ist der direkteste Weg zu Kopfschmerzen — siehe Arbeitsplatz-Positionierung.

Die Arbeitsplätze

Die Möblierungspläne zeigen keine Tischreihen, sondern Gruppen aus vier bis sechs organisch geformten Arbeitsplätzen, die um einen gemeinsamen Kern angeordnet sind, jeweils mit Bepflanzung dazwischen.

Der Unterschied zu einer Reihenaufstellung ist nicht ästhetisch. In der Gruppenanordnung sitzt niemand mit dem Rücken zu einem Hauptweg, jeder hat seine Nachbarn im Blickfeld statt im Rücken, und die Gruppe bildet nach außen eine erkennbare Einheit. Dieselbe Fläche, andere Sozialstruktur.

Was daraus wurde

Auch dieses Projekt blieb kein Entwurf. Zwei Bestandteile lassen sich in der Akte bis zur Auslieferung verfolgen:

Die geschwungene Wand wurde gebaut. Aus der Handzeichnung der S-förmigen Informationswand wurde ein textil bespanntes Stellwandsystem in genau dieser Wellenform — mit einem großflächigen Farbverlauf und Kreissegmenten als Motiv, das sich über die einzelnen Felder hinwegzieht. Die Fotos von 2009 zeigen es zwischen zwei Arbeitsgruppen stehend, auf flachen Tellerfüßen, in Sitzhöhe plus Kopfhöhe — also hoch genug, um akustisch zu wirken.

Das Farbleitsystem wurde gedruckt. Für die Fassaden entstanden Flächenvorhänge, deren Dateibezeichnungen die Gruppenfarben tragen: blau, grün, rot, gelb, dazu eine neutrale Reihe. Bedruckt mit einem großen, angeschnittenen Kreismotiv, halbtransparent. Sie leisten drei Dinge gleichzeitig — Blendschutz an der Glasfassade, Hall dämpfen, und die Farbe der jeweiligen Gruppe bis in die Fassade tragen.

Beides wurde 2009 beauftragt und geliefert. Aus einem Feng-Shui-Gestaltungsgedanken war damit ein Produkt geworden, das anschließend auch in anderen Projekten eingesetzt wurde.

Was daran heute noch lehrreich ist

Orientierung kommt vor Ausstattung. Die teuerste Möblierung rettet keine Fläche, auf der niemand weiß, wo er ist. In großen Büros ist die Gliederungsfrage die erste, nicht die letzte.

Farbe kann tragen, nicht nur schmücken. Ein Farbleitsystem ist der seltene Fall, in dem eine gestalterische Entscheidung eine Organisationsaufgabe löst. Und es kostet fast nichts — die Flächen werden ohnehin gestrichen und die Vorhänge ohnehin gekauft.

Ein Mittelpunkt schlägt eine Trennwand. Wer eine lange Fläche mit Stellwänden zerteilt, nimmt ihr das Licht und die Übersicht und behält den Lärm. Ein Element in der Mitte gliedert, ohne zu verschließen.

Hinweis zu Abbildungen

Wie beim Personalrestaurant zeigt auch diese Seite keine Pläne und keine Fotos. Sie zeigen die Räume eines Auftraggebers und stehen unter dem Urheberrecht mehrerer Beteiligter.

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