Atito
Ein Personalrestaurant
Große Kantinen scheitern fast immer an denselben vier Punkten: harte Oberflächen, schlechtes Licht, dunkle Begrenzungen und endlose Tischreihen. Diese Beratung von 2005 zeigt das Muster so klar, dass sie bis heute als Lehrstück taugt.
Das Projekt
Im Jahr 2005 beriet Atito Lorenz Witt das Personalrestaurant eines süddeutschen Universitätsklinikums. Die Möbel- und Trennwandentwürfe für den Vorschlag steuerte Vital-Office bei; die zugehörigen Zeichnungen sind auf den 26. August 2005 datiert.
Erhalten ist die vollständige Projektakte: Bestandsaufnahme mit Lageplan, Grundriss, zwei Schnitten und Innenaufnahmen, danach der Entwurf mit Möblierung, Beleuchtung, Deckenaufbau und Kunstkonzept — und darüber hinaus alles, was danach kam.
Denn das Projekt blieb kein Entwurf. Es wurde gebaut.
Der Bestand
Ein kubischer Saal im zweiten Obergeschoss, rund vier Meter hoch, mit einer zentralen Lichtkuppel und einer Deckenöffnung zum Geschoss darunter.
| Bauteil | Zustand |
|---|---|
| Konstruktion | Stahlbeton, sichtbare Stützen und Unterzüge |
| Wände und Brüstungen | grauer Sichtbeton |
| Fußboden | sehr dunkle Steinplatten |
| Decke | dunkelbraune Holzlatten, Randbereiche dunkelgrauer Sichtbeton |
| Fenster | raumhoch, großflächig, dunkelbraune Rahmen |
| Möblierung | lange gerade Tischreihen, rechteckige Stapeltische |
| Kunstwerke | vorhanden, aber ohne Leuchtkraft oder falsch dimensioniert |
Die Befunde
Die Bestandsaufnahme arbeitet sechs Punkte heraus. Sie sind hier in der Sprache dieser Website wiedergegeben; in der Sache steht das so in der Unterlage von 2005.
1. Akustik
Ausschließlich harte Materialien — Betonkonstruktion, Steinboden, Holzlattendecke, harte Möbel. Nichts im Raum absorbiert Schall.
Das ist die Ursache des typischen Kantinenlärms: Der Nachhall verwischt die Gespräche, die Anwesenden sprechen automatisch lauter, um sich zu verstehen, und verstärken damit die Ursache. Ein sich selbst antreibender Effekt.
→ Die technischen Zusammenhänge stehen auf Akustik im Büro
2. Licht
Das Tageslicht war ungünstig verteilt: zu starke Sonneneinwirkung an den Fensterfronten, zu wenig Licht in der Raumtiefe. Der Betonkranz der zentralen Lichtkuppel war so massiv ausgeführt, dass er einen großen Teil des Lichts abfing, das er hätte einlassen sollen.
Die künstliche Beleuchtung bestand aus abgehängten Lichtbändern und wurde als „sehr hart“ beurteilt.
3. Kontraste in der falschen Richtung
Der aufschlussreichste Befund. Fußboden dunkel, Decke dunkel, Fensterrahmen dunkel.
Menschen erwarten die umgekehrte Abstufung — hell oben, dunkler unten. Wird sie umgedreht, wirkt der Raum drückend, ohne dass man sagen kann, warum. In einem vier Meter hohen Saal, der eigentlich großzügig ist, hebt das den Höhenvorteil vollständig auf.
4. Wegeführung und Möblierung
Lange geradlinige Tischreihen. In der Unterlage steht dazu ein Bild, das haften bleibt: „Energiefluss wie auf einer Schnellstraße.“
Man muss den Begriff nicht übernehmen, um zu sehen, was gemeint ist. Ein Saal mit durchlaufenden Reihen bietet keinen Ort, an dem man ankommt. Es gibt keine Nische, keinen Rücken, keinen abgegrenzten Bereich — man sitzt in einer Fläche, durch die alle laufen.
5. Formen
Eckige Formen überwogen durchgängig — bei einer Konstruktion aus geraden Betonteilen unvermeidlich. Der Ausgleich musste über Möbel, Trennwände und Kunst kommen.
6. Farbe
Farbakzente waren vorhanden, aber zu schwach, zu groß dimensioniert oder an Stellen, an denen sie niemand sieht. Ein Wandbild „setzt keine strahlenden Akzente“, ein zweites war „zu groß für die Wand“.
Die Maßnahmen
Der Entwurf setzte an allen sechs Punkten an. Bemerkenswert daran ist, wie wenig davon Deutung ist und wie viel Bauphysik:
Decke. Die vorhandenen Holzlatten sollten mit einem feinmaschigen Gewebe bespannt werden, darunter eine nicht brennbare Vliesmatte als Absorber. Ein Eingriff, der Akustik und Helligkeit gleichzeitig verbessert — die Decke ist in einem solchen Saal die größte zusammenhängende Fläche und damit der stärkste Hebel. Ausdrücklich vermerkt: vorher prüfen lassen, ob die Lüftungsanlage beeinträchtigt wird.
Beleuchtung. Warmes, blendfreies Licht statt harter Lichtbänder. Einzelne schlanke Leuchten über Tischen und Tischgruppen, dazu indirekte Anstrahlung der Decke. Die Begründung ist praktisch: Ein Essplatz, an dem man geblendet wird, wird gemieden.
→ Derselbe Gedanke im Wohnbereich: Essplatz und Zusammenkommen
Zonierung. Auflösung der durchgehenden Reihen in Tischgruppen und Nischen. Ein runder Tresen im Zentrum. Abwechslung von offenen und geschützten Bereichen — in der Unterlage steht das als Yin und Yang, gemeint ist Zonierung.
Trennwände und Pflanzen. Große Pflanzen und Stellwände, ausdrücklich mit doppelter Begründung: Sie wirken schalldämmend und sie bilden Nischen. Ein Element, das zwei Probleme gleichzeitig löst, ist in der Raumplanung immer das bessere.
Textil. Vorhänge an den Fenstern — gegen die starke Sonneneinwirkung und als weiche Fläche gegen den Hall. Auch hier zwei Wirkungen aus einer Maßnahme.
Tische. Statt der vorhandenen rechteckigen Stapeltische eine Reihe organisch geformter Varianten für drei bis fünf Personen, entworfen unter einer sehr konkreten Nebenbedingung: Sie mussten weiterhin rechteckige Tabletts aufnehmen. Zusätzlich der Vorschlag, die vorhandenen Tische aufzuarbeiten — die 12 cm hohe, klobig wirkende Tischkante entfernen und durch halbrunde Umleimer ersetzen.
Helle Decke, helle Rahmen. Die Umkehr der Kontrastverteilung: Decke hell absetzen, wenn möglich auch die dunklen Fensterrahmen.
Was daraus wurde
Zwischen der Bestandsaufnahme und dem fertigen Saal liegen fünf Jahre. Die Akte lässt sich als Zeitleiste lesen:
| Datum | Schritt |
|---|---|
| August 2005 | Bestandsaufnahme vor Ort, gut zwanzig Fotos |
| Oktober 2005 | Studien für Kantinentische und Tresen |
| November 2005 | Auswahl der Barhocker für den Tresen |
| Dezember 2005 | erstes Angebot an das Personalkasino |
| April 2006 | die runden Kantinentische werden zur Serie weiterentwickelt |
| April 2008 | Auftrag des Klinikums über Tresen und Wandelemente |
| April – Juni 2008 | Brandschutznachweise für die Beschichtung der Schallwände |
| Dezember 2010 | Akustikschirme in vier weiteren Formen, farbig |
| Juni 2023 | Nachzeichnung weiterer Wandformen |
Bemerkenswert sind daran zwei Dinge. Erstens der Brandschutz: Ein absorbierendes Element in einem öffentlichen Speisesaal muss nachweislich schwer entflammbar sein. Zwischen dem gestalterischen Entwurf und der Ausführung liegt deshalb ein Vorgang, der in keiner Feng-Shui-Lehre vorkommt, aber über die Umsetzbarkeit entscheidet.
Zweitens die Nachbestellung 2010 — fünf Formen mehr, in Farbe. Elemente, die nicht funktionieren, werden nicht nachbestellt.
Der heutige Zustand zeigt, was von der Analyse geblieben ist: geschwungene, fein gelochte Stellwände in gedeckten Farben, die Nischen bilden und Schall schlucken; der runde Tresen mit transparentem Aufsatz im Zentrum; runde Tische; eine helle Decke mit großen, flächigen Rundleuchten statt der harten Lichtbänder; Vorhänge an den Fensterfronten; farbig abgesetzte Stützen.
Nicht alles aus dem Entwurf ist gebaut worden — die farbige Deckengliederung und ein Teil der Kunstinstallationen blieben Vorschlag. Was gebaut wurde, sind genau die Maßnahmen mit doppelter Wirkung.
Was daran heute noch lehrreich ist
Drei Dinge.
Erstens die Reihenfolge. Die Analyse beginnt beim Material und beim Licht, nicht bei der Dekoration. Farbe und Kunst kommen zuletzt. Genau diese Reihenfolge empfiehlt auch Raum wirkt auf Mensch.
Zweitens die Doppelnutzung. Fast jede vorgeschlagene Maßnahme löst mehr als ein Problem: Vorhänge gegen Blendung und Hall, Stellwände für Nischen und Absorption, Deckenvlies für Akustik und Helligkeit. In Räumen mit begrenztem Budget ist das der entscheidende Auswahlmaßstab.
Drittens die Diagnose selbst. Ein hallender, dunkel begrenzter Saal mit durchlaufenden Tischreihen ist bis heute der Normalfall in Betriebsgaststätten und Mensen. Wer das Muster einmal benannt gesehen hat, erkennt es überall wieder — und weiß, dass es sich mit vier oder fünf Eingriffen erheblich verbessern lässt.
Hinweis zu Abbildungen
Diese Seite zeigt keine Pläne und keine Fotos. Die Aufnahmen zeigen das Gebäude eines Auftraggebers, und ein Teil der Entwürfe stammt von weiteren Beteiligten. Der beschriebene Zusammenhang lässt sich ohne Bilder darstellen — also stellen wir ihn ohne Bilder dar.