Atito

Das Architekten-Seminar

Ein Fachseminar für Planer, nicht für Wohnungsratgeber-Leser. Diese Seite beschreibt, was darin gelehrt wurde, ordnet es ein und trennt das Tragfähige vom Zeitgebundenen.

Aufbau und Anspruch

Das Seminar war mehrteilig und wuchs über die Jahre: Die erhaltenen Fassungen reichen von einem knappen Einführungsvortrag bis zu einer Fassung von September 2006 mit über 120 Bildtafeln. Es gab ein gedrucktes Begleitheft mit Tabellen und eine zweite Stufe mit Aufbau-Inhalten.

Die Gliederung folgte einem durchdachten Aufbau:

  1. Ursprung und Herkunft der Lehre
  2. Wahrnehmung, Bewusstes und Unbewusstes
  3. Der Qi-Begriff
  4. Prüfung von Raumqualitäten
  5. Qi im Wohnhaus — Eingang, Türen, Wege, Räume
  6. Die acht Lebensbereiche
  7. Formen
  8. Maße und Zahlen
  9. Yin und Yang
  10. Die fünf Elemente
  11. Einfache Regeln für die Praxis

Bemerkenswert ist die Arbeitsform. Die Teilnehmenden bekamen eine Aufgabenstellung mit echtem Grundriss und sollten ihn analysieren, in Zonen gliedern und Verbesserungsvorschläge zeichnen — inklusive Farbwahl für Wände und Decken. Zu den Übungsobjekten gehörten Einfamilienhäuser, ein Reihenhaus, ein Seminarzentrum mit Lageplan und Schnitten sowie Büro- und Chefzimmer.

Das ist keine Vortragsveranstaltung, das ist Entwurfsunterricht. Wer das Material durchsieht, erkennt einen Architekten, der Architekten unterrichtet.

Die historische Einordnung

Um die Leistung zu verstehen, braucht es den Zeitkontext.

Feng Shui kam ab Ende der 1980er Jahre in den deutschsprachigen Raum, überwiegend über populäre Ratgeberliteratur aus dem angelsächsischen Raum. Die typische Aufbereitung war die Regelliste für Privatleute: Wo das Bett stehen darf, wo Spiegel hängen sollen, wo man Glücksbringer platziert.

Der Gedanke, dasselbe Material als Planungswerkzeug für Fachleute aufzubereiten — mit Maßstab, Grundriss, Schnitt und Zeichenübung —, war selten. Wer Bauzeichnungen liest, verlangt andere Begründungen als ein Ratgeberpublikum, und man kann in den Unterlagen sehen, wie dieser Anspruch den Stoff verändert hat: Die Beispiele arbeiten mit tatsächlichen Grundrissproblemen, nicht mit Symbolen.

Was heute trägt

Wenn man die Deutungsebene beiseitelässt und nur die Beobachtungen betrachtet, bleibt ein belastbarer Kern übrig. Vieles davon steht heute auf dieser Website — mit anderer Begründung, aber gleichem Inhalt.

Rückendeckung, hergeleitet aus der Natur

Eine seiner Bildtafeln stellt den Panzer einer Schildkröte, einen Vogelschädel und einen menschlichen Schädel nebeneinander: dreimal dieselbe Formlösung — eine geschlossene Schale nach hinten und oben, offen nach vorn.

Daraus leitete er die klassische Sitzposition ab: fester Rücken, freier Blick. Heute nennt man dasselbe Muster in der Umweltpsychologie prospect and refuge. Die Formel ist verschieden, die Anweisung ist identisch.

Raum wirkt auf Mensch · Sicherheit und Privatsphäre

Sitzplätze und Türachsen

Seine Wohnzimmer-Beispiele unterscheiden zwei Anordnungen: eine, in der mehrere Sitzplätze direkt in der Türachse liegen, und eine, in der die Plätze die Tür im Blick haben, ohne in ihrer Achse zu sitzen. Genau diese Unterscheidung machen wir auf Arbeitsplatz-Positionierung und Wohnzimmer — er hat sie dreißig Jahre früher gezeichnet.

Dasselbe gilt für die Küchenzeile: Herd mit dem Rücken zur Tür ist ungünstig; ein Spiegel über dem Herd stellt die fehlende Übersicht wieder her. Der Mechanismus ist nachvollziehbar, der Rückspiegelgedanke sogar elegant.

Wege und Durchzug

Sein Bild vom Qi, das in langen geraden Bahnen zu schnell fließt und in verstellten Räumen stagniert, beschreibt zwei reale Dinge: Wegeführung und Luftführung. Eingangstür und gegenüberliegendes Fenster ergeben tatsächlich Zugluft. Ein Raum, in dem man ständig um Möbel herumgeht, wird tatsächlich als unruhig empfunden.

Ordnung und Klarheit

Formen

Runde und geschwungene Formen gegen Ecken und Kanten — bei ihm als „Sha Qi“ und Giftpfeil beschrieben, bei uns über Verletzungserwartung und Ausweichverhalten erklärt. Die praktische Empfehlung ist dieselbe.

Form und Wirkung

Yin und Yang als Zonierung

In seiner Beratungspraxis benutzte er das Begriffspaar genau so, wie der Handover dieser Website es erlaubt: als Wechsel von offenen und intimen Bereichen, von aktiven und ruhigen Zonen, von harten und weichen Materialien. In der Beratung für das Personalrestaurant steht es wörtlich so.

Ein Personalrestaurant

Bilder und Symbole im Raum

Ein eigener Abschnitt behandelte die Wirkung von Bildmotiven — mit dem Ergebnis, dass Darstellungen von Aggression, Verletzung und Bedrohung in Aufenthaltsräumen nichts zu suchen haben. Die theoretische Herleitung über Archetypen kann man dahingestellt lassen; die praktische Empfehlung ist unmittelbar einleuchtend und wird in der Bürogestaltung bis heute zu selten beachtet.

Was heute nicht mehr trägt

Der andere Teil, offen benannt.

  • Prüfung von Raumqualitäten mit Pendel, Rute, Tensor und Armtest. Das Seminar behandelte diese Verfahren als Messtechniken, inklusive Vorlagen zur prozentualen Bestimmung der „Raumqualität“. Sie liefern keine reproduzierbaren Ergebnisse.
  • Geopathische Störzonen, Wasseradern und die Gitternetze nach Hartmann, Curry und Benker.
  • Bagua und die acht Lebensbereiche — die Zuordnung von Grundrisszonen zu Reichtum, Partnerschaft oder Karriere, samt Ausgleichsmaßnahmen für „Fehlbereiche“.
  • Das persönliche Element aus dem Geburtsjahr und die daraus abgeleiteten günstigen Richtungen.
  • Das Feng-Shui-Maßband mit Abschnitten von „Reichtum“ bis „Katastrophe“ — eine Zentimetereinteilung mit Schicksalsdeutung.
  • Schlafzimmerregeln zu Bettausrichtung, Spiegeln, Dachschrägen und Deckenbalken.
  • Abhilfen wie Windspiele, Flötenpaare, Bergkristalle und Spiegelstreifen in festgelegten Maßen.
  • Gesundheitsaussagen bis hin zum Immunsystem, und eine Tabelle, die einen „Qi-Gehalt in Prozent“ mit Pilz- und Bakteriengehalt der Raumluft in Beziehung setzt.

Die Begründung für diese Abgrenzung steht auf Was Feng Shui nicht ist und gilt unabhängig davon, wer die Aussagen vertritt.

Wie man das zusammendenkt

Es wäre bequem, eines von beidem wegzulassen — entweder den Pionier zu feiern und die Methode zu verschweigen, oder die Methode zu kritisieren und die Leistung zu übergehen. Beides wäre falsch.

Richtig scheint uns: Er hat einem Berufsstand, der mit Räumen arbeitet, früh und ernsthaft die Frage gestellt, wie ein Raum auf den Menschen darin wirkt. Dass er dafür das Vokabular seiner Zeit und seiner Schule benutzte, ändert an der Frage nichts. Die Frage ist die richtige geblieben.

Weiter im Thema

  • Ein Personalrestaurant

    Projekt ab 2005: Bestandsaufnahme eines harten Betonsaals, die Maßnahmen dagegen — und was davon gebaut wurde.

  • Ein Großraumbüro

    Projekt 2007: Wie ein sehr langes offenes Bürogeschoss über Farbe, ein Zentrum und Pflanzen gegliedert wurde.